„Wir brauchen Experten“

Yvonne Zimmermann, 50, ist Vorstandsvorsitzende der Akademie Deutscher Genossenschaften ADG mit Sitz in Montabaur. Ihrer Meinung nach muss der Bankberater der Zukunft wie eine Navigationshilfe für den Kunden sein.

 

Frau Zimmermann, hat die Beratung bei den Banken noch eine Zukunft?

Viele Menschen haben – allen Informationsangeboten zum Trotz – keine ausgeprägte Finanzbildung. Dabei wäre dies gerade heute so wichtig, wo klassische Zinsmechanismen nicht mehr existieren und man sich umso mehr Gedanken über Alternativen bei Vermögens- und Altersvorsorge machen muss. Finanzbildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und gilt insbesondere für genossenschaftliche Banken und ihre Beratungskompetenzen. Wir brauchen also gut ausgebildete Finanzexperten. Inwieweit die heutige Ausbildung diesen An- und Herausforderungen genügt, lässt sich in der Tat hinterfragen.    

Über welche Kompetenzen reden wir dabei?

In der Vergangenheit war das betriebswirtschaftliche Verständnis für die Auswahl junger Banker ausschlaggebend. Heute geht es vielmehr um die Persönlichkeit und soziale Kompetenzen für eine aktive Mitglieder- und Kundenorientierung.

Was muss der Banker der Zukunft alles mitbringen?

Der Berater muss quasi wie eine Navigationshilfe in der Lage sein, dem Kunden die unterschiedlichen Zugangswege und Anwendungen zu erklären, und wissen, auf welchem Weg dieser am liebsten angesprochen werden will. Es geht um die Fähigkeit, sich besser in den Kunden hineinzuversetzen und zu verstehen, welche Angebote ihm wirklich relevant erscheinen. Dabei schadet es aus meiner Sicht übrigens nicht, sich wieder stärker mit den genossenschaftlichen Wurzeln und Werten vertraut zu machen – ein wegweisendes Gerüst, das den Menschen auch im Rahmen des Bankgeschäfts mit hohem ethischem Anspruch betrachtet. Ich gebe zu: Das ist keine leichte Aufgabe in einer stressigen Zeit, in der die Berater ständig mit rasanten Veränderungen konfrontiert sind.

Und was bedeutet das für die Ausbildung?

Sie muss sich an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen und mehr Handlungs- und Lösungskompetenz fördern. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die Berufsschulen mehr für die Methoden-, Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen der Auszubildenden tun. Die Theorie sollte dabei vor allem um mehr Fälle aus der beruflichen Praxis ergänzt werden.

Wie wichtig ist unternehmerisches Denken?

Wenn Eigeninitiative und Mitgestaltung Wesensmerkmale der genossenschaftlichen Idee sind, dann sind dies Eigenschaften, die unternehmerisches Denken und Handeln erst möglich machen.

Haben Quereinsteiger aus anderen Fachgebieten eine Chance?

Ja, sogar sehr gute! Wir haben immer häufiger studierte Betriebswirte, Volkswirte, Mathematiker oder Informatiker mit Praxiserfahrung unter unseren Teilnehmern, die sich zu Spezialisten bei uns qualifizieren, etwa als Risikomanager, oder sich zum Beispiel zum agilen Prozessmanager zertifizieren lassen.

Welche Angebote gehören zu Ihrem Portfolio?

Nach der Ausbildung bietet der genossenschaftliche Bildungsverbund den Bankfachwirt und das BankColleg (siehe Infografik) als Einstieg in eine duale Ausbildung an. Aber auch ein Bachelor of Arts oder ein sich anschließendes Masterstudium werden immer beliebter. Angebote und Abschlüsse dieser Art fordern Eigeninitiative und machen den Weg frei für sehr flexible Einsatzmöglichkeiten, Berufschancen und Karrierepfade. Daneben gibt es die Möglichkeit, sich mit der Aufstiegsfortbildung innerhalb der regionalen Akademien bis hin zur ADG eine Weiterbildung bis zur theoretischen Vorstandsqualifizierung zu ermöglichen. Oder die Interessenten entscheiden sich nach der Ausbildung für ein Studium zum Bachelor oder Master an der ADG Business School. Dazu gibt es unterschiedliche Angebote, die zunehmend mehr genutzt werden. Alle Modelle fußen auf der dualen Idee: Weiterbildung neben der Praxis.

Welche Inhalte und Kompetenzen werden dabei vermittelt?

Alle fachlich relevanten Themen rund ums bankwirtschaftliche Fachwissen, aber auch die Anwendung agiler Methoden, Management- und Führungskompetenzen und die Fähigkeit, lösungsorientiert zu handeln.

Was ist in Ihrem Angebot besonders gefragt?

Bisher nutzt die überwiegende Anzahl die genossenschaftliche Aufstiegsfortbildung. Allerdings geht der Trend klar in Richtung der Angebote, die man aus eigener Initiative wählen kann, etwa ein Bachelor-Studium mit anschließendem Master. Eine klare Reaktion auf die zunehmende Akademisierung der Bankberufe. Von wachsendem Interesse sind Zukunftsthemen und deren Umsetzung im Arbeitsalltag und natürlich Themen wie Regulatorik und Banksteuerung, bei denen die Anforderungen an die Banken weiter zunehmen.

Wie passen Sie die Inhalte Ihrer Angebote den Veränderungen des Marktes an?

Das machen wir permanent, auch mithilfe des Feedbacks, das wir von den Teilnehmern und ihren Arbeitgebern bekommen. Wir überarbeiten beispielsweise anhand eines Innovationsindex alle drei Jahre 75 Prozent der Angebote. Das betrifft auch die Kompetenzen, die wir vermitteln, sowie die beruflichen Rollenprofile. So entwickeln wir zum Beispiel zurzeit ein genossenschaftliches Leadership-Modell, das die klassische Management-Weiterbildung um die Fähigkeit ergänzt, die notwendige Transformation zu gestalten und sich damit in Richtung Zukunft zu orientieren. Und wir werden auch Bildungstrends oder Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Innovationsfähigkeit stärker wissenschaftlich begleiten.

Wie wichtig sind Mentoring-Programme?

Aus meiner Sicht sehr wichtig. Hier hat die Organisation definitiv Nachholbedarf – wenngleich bei unseren Angeboten alle Altersklassen vertreten sind und sich teilweise seit vielen Jahren Netzwerke gebildet haben. Wir haben bei der ADG deswegen ein neues Geschäftsfeld, das sich „Alumni und Förderermanagement“ nennt, in dem wir Networking und Mentoring-Modelle noch stärker fördern wollen.