"Schluss mit dem Mief“

Evi Zielinski, 43, ist Leiterin Aus- und Fortbildung an der Frankfurt School of Finance & Management. Sie appelliert an die Banken, beim Recruiting in langfristigen Zeiträumen zu denken.

 

Frau Zielinski, ist der klassische Bankkaufmann eine aussterbende Spezies?                        

Von einem Aussterben würde ich nicht sprechen, wenngleich die Ausbildungszahlen rückläufig sind. Richtig ist aber, dass sich im Zuge der Digitalisierung die Anforderungen an das Berufsbild rasant verändern. Gerade im vergangenen Jahr hat dieser Wandel unheimlich an Fahrt gewonnen. Die Banken werden zum Teil regelrecht mit neuen Angeboten überrollt. Sie haben sich aber auch ziemlich Zeit bei dem Thema gelassen …

Wo liegt der Grund für die Rückläufigkeit bei den Ausbildungsplätzen?

Der Stellenabbau ist auf jeden Fall ein Grund. Eine weitere Ursache ist aber auch, dass der Banker als Beruf an Attraktivität für junge Leute eingebüßt hat. Wer heute in den Beruf einsteigt, ist mit einem dualen Studium und Bachelor-Abschluss gut beraten.

Hat sich die Recruitingstrategie verändert?

Die Institute machen heute viel stärker auf sich aufmerksam, als sie das früher je getan haben. Ganz einfach, weil ihnen bewusst ist, dass sich der Markt verändert und sie etwas dafür tun müssen, dass sie qualifizierte Kräfte bekommen. Dass sie deshalb verstärkt auf das duale Studium als Ausbildung setzen, ist eine logische Konsequenz daraus.

Was müssen die Banken tun, um für junge Bewerber attraktiver zu werden?

Ich sag es mal ganz direkt: Sie müssen Schluss machen mit dem Schreckbild der miefigen Schalterberatung. Das Wichtigste ist deshalb Transparenz – offenzulegen, was ihr Qualifizierungskonzept ist, welche Karrieremöglichkeiten sie bieten und wie ihre Unternehmenskultur aussieht.

Sind die Bewerber anspruchsvoller geworden?

Oh ja! Sie sind heutzutage viel überzeugter von sich und klarer in ihren Wünschen, wenn sie ins Bewerbungsgespräch gehen. Sie wollen flexible Arbeitszeiten, klare Aufstiegschancen und einen familienfreundlichen Arbeitgeber.

Und welche Fähigkeiten bringen die jungen Leute mit?

Die sogenannten sozialen Skills sind heute viel mehr gefragt. Früher benötigten die Banken vor allem gute Verkäufer, die mussten „Vertriebsdenke“ haben. Heute geht es vielmehr um kommunikative Fähigkeiten, Diversity und den professionellen Umgang mit mobilen Kanälen und Communitys. Das Problem ist, dass genau diese Fähigkeiten dann oft beim Recruiting vernachlässigt werden, weil sie sich erst langfristig im Verhältnis zwischen Bankberater und Kunden auswirken, die Banken aber leider eher Wert auf die kurzfristigen Erfolge legen. Das ist noch eine Riesenherausforderung für die Häuser.

Öffnet sich eine Schere zwischen klassisch ausgebildeten und höher qualifizierten Bankern?

Die Gefahr ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Einerseits wird es den klassischen Banker, wenn auch in geringerer Zahl, immer geben, zum anderen liegt es auch am einzelnen Mitarbeiter, ob er sich im Verlauf seines Berufslebens weiterbildet und somit den Anschluss nicht verliert.

Wie wichtig wird unternehmerisches Denken für den Bankmitarbeiter werden?

Das muss heute schon weitgehend ausgeprägt sein. Das Abarbeiten von Standardprozessen wird zusehends automatisiert und verschwindet somit aus dem Arbeitsalltag. Das heißt, es gibt mehr Raum für eigenverantwortliches Handeln. Viele Häuser beginnen außerdem, sich auf bestimmte Themen oder Segmente zu spezialisieren, insbesondere im Firmenkundengeschäft, und benötigen dementsprechend Fachleute, die wissen, was ihrer Klientel wichtig ist und wie sie „tickt“.

Also eine Chance für Quereinsteiger?

Das ist ja nichts Neues. Heute gibt es schon viele, die von Haus aus zum Beispiel IT-Experten oder Juristen sind und bei Banken arbeiten. Es kommt immer darauf an, in welchem Bereich die Fachkraft eingesetzt werden soll. Wenn es um gesetzliche und regulatorische Vorgaben geht, ist ein Quereinstieg sicher problematisch.

Welche Weiterbildungsangebote stellen Sie zur Verfügung?

Wir nennen das „Banking für Non-Banker“. Hier wird grundsätzlich erklärt, wie die Bank funktioniert. Da geht es auch um Themen wie Risikomanagement, den Aufbau von Bilanzen oder auch den Vertrieb. Oder wir machen Planspiele, in denen die Teilnehmer eine Bank leiten.

Wer sind denn die Teilnehmer?

Die werden uns von den Banken direkt geschickt.

Haben kleinere Banken beim Kampf um die Talente zwangsläufig das Nachsehen?

Das kann man pauschal nicht beantworten. Klar, Großbanken in Ballungsgebieten – da brummt es, das ist sexy. Aber es gibt auch ländliche Regionen, die attraktive demografische Strukturen vorweisen. Da könnte es in die Richtung gehen, dass sich die Banken einer Region zum Beispiel Expertenteams teilen.

Wie wichtig ist der Austausch zwischen Jung und Alt?

Was heute unterschätzt wird, sind die Kompetenzen, die die Älteren einbringen können. Die Jungen zeigen den Senioren, wie das funktioniert mit den digitalen Techniken – das ist schnell gesagt. Aber jüngere Mitarbeiter müssen sich erst einmal die Akzeptanz ihrer Kunden verdienen und Themen vermitteln. Und da können sie von den „alten Hasen“ noch jede Menge lernen.