„verhalten optimistisch“

Prof. Dorothea Schäfer, 60, ist Forschungsdirektorin Finanzmärkte beim Berliner DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) und Chefredakteurin der „Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung“.

think.bank: Frau Professor Schäfer, zunächst einmal ganz allgemein gefragt: Hat sich die Niedrigzinspolitik nicht inzwischen überlebt, und sind überhaupt noch Impulse für die Volkswirtschaft abzusehen?

Dorothea Schäfer: Mit den Tiefstzinsen haben Staat, Privathaushalte mit Schulden und Unternehmen, die Kredite haben, jeden Monat mehr Geld in der Tasche. So können sie auch mehr Geld ausgeben. Damit schaffen die niedrigen Zinsen potenziell mehr Nachfrage.

In einigen Ländern der EU ist dieses Zinsniveau nur sehr langsam an Haushalte und Firmen weitergegeben worden. Die Impulse sind also erst in jüngerer Zeit in der Wirtschaft angekommen. Erst sehr verzögert sind die Niedrigzinsen in diesen Ländern zum Impulsgeber geworden. Deutschland braucht sie sicherlich nicht mehr. Nach wie vor sind allerdings die Staatshaushalte der hoch verschuldeten Euroländer darauf angewiesen.

 

think.bank: Wie bewerten Sie die aktuelle Risikotragfähigkeit der Institute – und wie die Zinsänderungsrisiken?

Dorothea Schäfer: Die Banken in Deutschland haben mehr und besseres Eigenkapital in der Bilanz als vor der Krise. Aber nach wie vor haben die Großbanken zu viel Spielraum bei der Berechnung der Risikogewichte ihrer Assets. Die Relation von Eigenkapital zu Bilanzsumme ist für Großbanken nach wie vor zu niedrig, obwohl sie sich gegenüber früheren Zeiten verbessert hat.

Auf der Suche nach Zinseinkommen besteht die Versuchung, über extrem langfristige Kreditvergaben eine höhere Marge zu erzielen. Diese Tendenz gibt es sicherlich, auch Druck von Kundenseite ist vorhanden. Eine abrupte Zinswende würde alle Banken schwer treffen, übrigens auch die Staaten und alle öffentlichen Gebietskörperschaften. Die Zentralbank wird daher alles tun, damit die Zinsen, wenn sie steigen, nur sehr, sehr langsam steigen.  

think.bank: Wenn Sparen sich nicht mehr lohnt – treibt die Niedrigzinsphase dann nicht auf Dauer die Kunden weg vom „Modell Hausbank“, gerade angesichts der vielen digitalen Wettbewerbsangebote rund um Finanz- und Kreditprodukte?

Dorothea Schäfer: Das Vertrauen in digitale Finanz- und Kreditproduktangebote ist kein Mehrheitsphänomen. Daher bleiben diese Angebote Nischenprodukte, auch wenn der Medienhype um die Fintechs etwas anderes suggeriert. Die meisten Angebote bauen im Übrigen darauf auf, dass die Nutzer auch ein Konto bei einer Bank besitzen. Insofern sehe ich die digitalen Angebote eher als Zusatzprodukte und nicht als Ersatz für die Dienstleistungen der Hausbank. Letztendlich werden die meisten Banken ihre digitale Produktpalette so erweitern, dass sie mit den Newcomern mithalten können.

think.bank: Wieso tun sich die deutschen Banken so schwer, ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft zu reduzieren?

Dorothea Schäfer: In Deutschland reagieren Bankkundinnen und -kunden sehr empfindlich auf Gebühren, insbesondere auf solche, die pro geleisteter Einheit – also zum Beispiel pro verschickter TAN – erhoben werden. Der Wettbewerb ist hoch und die nächste Bank mit geringeren Gebühren nicht weit. Sparkassen und Volksbanken sind auf die Versorgung von regionaler Wirtschaft und Privathaushalten mit Krediten und Bankdienstleistungen wie Giro- und Sparkonten spezialisiert. Gebührenträchtiges Investmentbanking ist für diese Banken kein Thema. Kapitalmarktprodukte und Vermögensverwaltung werden von den Kunden nur in beschränktem Maße nachgefragt. Gebühren zu erheben für die Kontoführungsdienstleistungen, ist wegen des Wettbewerbs auch nicht leicht. Daher bleibt es wohl bei der Dominanz des Zinsgeschäftes.

think.bank: Was können deutsche Banken von den ausländischen Märkten lernen?

Dorothea Schäfer: Schwer zu sagen, die Banken müssen sicherlich besser als in der Vergangenheit kommunizieren, dass die Führung eines Bankkontos eine Dienstleistung ist, die etwas kostet. In Zeiten sinkender Zinsmargen gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als diese Dienstleistung zu bepreisen, weil ja die Möglichkeiten der Finanzierung über das Kreditgeschäft durch Tiefstzinsen beeinträchtigt ist.

Ausländische Bankenmärkte sind oft durch wenige Großbanken geprägt. Diese Struktur bietet einfach ganz andere Möglichkeiten der Gebühren- und Preisdurchsetzung als der wettbewerbsintensive deutsche Bankenmarkt. Die Bankkundinnen und -kunden sind aber mit dem deutschen Bankenmarkt besser dran.

think.bank: Gibt es bei den Finanzprodukten noch Stellschrauben zugunsten der Ertragslage, etwa das Provisionsgeschäft?

Dorothea Schäfer: Wenn Bankberater Produkte nur deswegen empfehlen, weil damit hohe Provisionen verbunden sind, ist das für das Kundenvertrauen gefährlich. Die Beratung muss stimmen, sonst kann das Streben nach hohen Provisionen auch nach hinten losgehen.

think.bank: Die Banken werden immer wieder zu einem strafferen Kostenmanagement ermahnt, was auch eine größere Bereitschaft zu Fusionen umfasst. Was aber, wenn Fusionen und Übernahmen zulasten der Verbraucherfreundlichkeit und der Nähe zum Kunden gehen und damit die Ertragslage weiter unter Druck gerät? Gerade für die Genossenschaftsbanken ist die regionale Nähe ein wesentliches Wettbewerbsargument.

Dorothea Schäfer: Strafferes Kostenmanagement kann kein Ziel an sich sein. Eine größere Bereitschaft zu Fusionen ist nur für solche Banken notwendig, die es allein nicht mehr schaffen. Der Wettbewerb im Bankensektor ist von Vorteil für die Bankkunden. Regionale Nähe wird auch weiter ein entscheidender Faktor für die Kundenbindung bleiben. 

think.bank: Wenn allenthalben von nachhaltigeren Geschäftsmodellen die Rede ist – wo müssten die Banken anfangen? 

Dorothea Schäfer: Die Banken müssen sicherlich ihre digitalen Angebote verstärken und sich dabei etwas von den Fintech-Start-ups abschauen oder mit ihnen kooperieren. Aber sie müssen die Kunden da abholen, wo sie sind. Zum Beispiel nutzt es nichts, die Kontoführung ausschließlich auf Online umzustellen, wenn ein Großteil der Kunden mit der digitalen Kontoführung und der Bezahlung per Handy wenig anfangen kann. Kreditversorgung von Firmen und Haushalten ist nachhaltig und wird es auch bleiben, das regionale Hausbankprinzip ebenso.

Die Standards bei der Kreditvergabe müssen allerdings aufrechterhalten bleiben, trotz Tiefstzinsen. Das ist wichtig für die Stabilität jeder einzelnen Bank. Wird da nicht aufgepasst, lauert die Gefahr von mehr Not leidenden Krediten in der Zukunft. Bei der Vermögensanlage muss die Beratung stimmen und nicht von der Jagd nach hohen Provisionen gesteuert werden. Leistungen, die auf die Schaffung langfristigen Vertrauens zielen, sind nachhaltig.

think.bank: Wie gut haben die Banken hier schon ihre „Hausaufgaben“ gemacht? Wo sind noch klare Defizite?

Dorothea Schäfer: Das Vertrauen in den Bankensektor allgemein ist nach wie vor nicht besonders ausgeprägt, insbesondere Großbanken haben kein gutes Image. Besser sieht es bei den kleineren Banken aus. Kundenfreundlichkeit ist ein entscheidendes Stichwort. Darauf müssen die Banken ihre Strategie ausrichten. 

think.bank: Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass die Banken die Herausforderungen der kommenden Jahre meistern werden?

Dorothea Schäfer: Ich bin da zuversichtlich.

think.bank: Die letzte Niedrigzinsumfrage von Bafin und Bundesbank prognostiziert massive Profitabilitätsrückgänge bei den Banken – teilen Sie diesen Pessimismus?

Dorothea Schäfer: Wenn die Zinsen weiter im Tiefstbereich bleiben, muss mit weiteren Rückgängen der Profitabilität gerechnet werden. Banken können aber auch gegensteuern und haben das auch schon teilweise getan. Darüber hinaus ist das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland sehr gut, und es gibt so gut wie kein Problem mit Not leidenden Krediten, sodass auch die Kreditvergabefähigkeit der Banken nicht eingeschränkt ist. Insofern bin ich verhalten optimistisch.

think.bank: Haben die Volksbanken Raiffeisenbanken hier aufgrund des Genossenschaftsprinzips einen besonderen Vorteil?

Dorothea Schäfer: Ausgeprägte Kundenbindung, regionale Verortung, gutes Image, kein „ungeduldiges Geld“ auf der Passivseite sind nicht zu unterschätzende Vorteile. Genossenschaftsbanken haben zusätzlich das Plus, keinen Börsenspekulationen ausgesetzt zu sein und auf eine stabile Eigenkapitalbasis zurückgreifen zu können.

think.bank: Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass die Banken bei wieder steigenden Zinsen das Thema Reformen vernachlässigen?

Dorothea Schäfer: Reformen im digitalen Bereich werden unabhängig von den Zinsen durchgeführt werden müssen. Wenn die Zinsmargen wieder besser werden, ist aber auch nichts dagegen zu sagen, wenn Gebührenmodelle wieder in die andere Richtung angepasst werden.