„Die Banken sind wie Inkubatoren“

Michael Bockelmann, 60, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands, und sein Stellvertreter Ralf W. Barkey, 56, erklären im Interview, warum das Genossenschaftsmodell weiter im Aufwind ist.

think.bank: Gilt heute noch der Satz von Hermann Schulze-Delitzsch: „Der Geist der freien Genossenschaft ist der Geist der modernen Gesellschaft“? Wenn ja, warum?

Michael Bockelmann: Der Satz gilt bis heute uneingeschränkt – fast 160 Jahre später gründen engagierte Unternehmer und Bürger noch immer Genossenschaften, weil für sie wirtschaftliches Denken und Kooperation zusammengehören. Weil sie selbst Lösungen erarbeiten, selbst für Fortschritt sorgen wollen. Eigeninitiative statt Fürsorge – Gemeinschaft statt Egoismus: Diese Idee findet überall Anhänger.

Ralf W. Barkey: Und auch die Branchen sind hochmodern: Jetzt werden im Zuge der Digitalisierung die ersten Breitbandgenossenschaften gegründet, um blinde Flecken beim schnellen Internet zu schließen, besonders im ländlichen Raum und in Gewerbegebieten.

think.bank: Was ist der Grund für den anhaltenden Boom bei den Genossenschaften?

Michael Bockelmann: Wenn es darum geht, geschäftliche Kooperation unter gleichberechtigten Partnern demokratisch und nutzbringend für alle zu steuern, ist die eingetragene Genossenschaft eine bewährte Rechtsform. Durch genossenschaftliche Wertschöpfungsketten könnte die Digitalisierung in ein höchst kooperatives Zeitalter münden.

think.bank: Welche Rolle spielen die Kreditgenossenschaften für das Genossenschaftswesen in Deutschland allgemein?

Ralf W. Barkey: Die Kreditgenossenschaften steuern allein deutlich über 18 Millionen zu den inzwischen mehr als 22 Millionen Mitgliedern in Deutschland bei. Sie sind damit schon zahlenmäßig die wichtigsten Promotoren für die genossenschaftliche Idee. Und ihre wirtschaftliche Bedeutung für den Standort Deutschland wird regelmäßig in wissenschaftlichen Studien bestätigt. Hinzu kommt, dass es Genossenschaftsbanken sind, die häufig Inkubatoren für genossenschaftliche Neugründungen sind.

think.bank: Wo sehen Sie die stärksten Impulse für Innovationen im Genossenschaftswesen – in der Größe, in der Branche oder in einzelnen findigen Köpfen?

Michael Bockelmann: Das ist weder eine Frage von groß oder klein noch von Branchen. Richtig aber ist: Es braucht immer Persönlichkeiten, die die Initiative ergreifen. Nicht umsonst hat das Internationale Komitee der Unesco für die Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit 2016 der Aufnahme der Genossenschaftsidee in seine Repräsentative Liste zugestimmt. Denn diese Liste lobt und schützt Meisterwerke menschlicher Schaffenskraft.

think.bank: Haben Genossenschaften das Zeug zur Disruption? Wenn ja: Beispiele?

Ralf W. Barkey: Selbstverständlich! Die Vielfalt unserer Mitglieder spiegelt wie ein Seismograf die Antworten auf ökonomische, technische, kulturelle und gesellschaftliche Veränderungsprozesse der letzten anderthalb Jahrhunderte. Denken Sie nur an die Energiewende – in den 850 Energiegenossenschaften engagieren sich über 180.000 Menschen für Erneuerbare-Energien-Projekte.

think.bank: Wo sehen Sie Ansätze für disruptive Geschäftsmodelle speziell bei den Genossenschaftsbanken?

Michael Bockelmann: Die Frage ist falsch gestellt: Gerade die Jahre nach der Finanzkrise haben die ungebrochene Attraktivität des Geschäftsmodells nachdrücklich unter Beweis gestellt. Die Menschen bevorzugen Partner, in denen sie Garanten von Stabilität sehen. Natürlich beschäftigt sich die FinanzGruppe aktuell sehr intensiv mit der Digitalisierung – doch es geht immer um genossenschaftliche Kundenerlebnisse.

think.bank: Wo geben Sie als „Verband der Regionen“ Impulse für die digitale Transformation?

Ralf W. Barkey: Bei der Herausforderung, das genossenschaftliche Geschäftsmodell ins digitale Zeitalter zu transformieren, wird der Verband die Mitglieder intensiv begleiten. Für die einzelne Bank ist es zum Beispiel kaum zu leisten, dem schnellen Wandel in der Social-Media-Welt mit einer zielgruppenadäquaten Kommunikation gerecht zu werden. Die Verschmelzung gibt uns die Ressourcen, um das Angebot des Verbands hier deutlich ausweiten.