"Genug Luft"

Raimund Röseler, 52, ist Exekutivdirektor für den Geschäftsbereich Bankenaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).

 

think.bank: Herr Röseler, die Vielzahl regulatorischer Maßnahmen in den letzten Jahren hat die Kreditwirtschaft deutlich stabilisiert. Wäre es nicht an der Zeit, über behutsame Lockerungen nachzudenken?

Raimund Röseler: Zunächst einmal hat ja die eingetretene Stabilisierung in der Bankenbranche gezeigt, dass die eingeführten Maßnahmen ihren Zweck erfüllen. Das sollte uns aber nicht dazu verleiten, uns auf die Schulter zu klopfen und uns zufrieden zurückzulehnen. Vielmehr müssen wir jetzt auf den erzielten Erfolgen aufbauen und das bestehende Rahmenwerk mithilfe der in den vergangenen Jahren gewonnenen Erkenntnisse weiter optimieren. Wichtig ist für die Zukunft, die richtige Balance bei den Regeln zu finden. Klar ist: Eine einheitliche Lösung für alle wird es nicht geben. Dazu sind die Institute und die nationalen Besonderheiten einfach zu unterschiedlich.

think.bank: Die Pläne der EU-Kommission, kleinere Banken regulatorisch zu entlasten, gehen der Bafin nicht weit genug. Was ist Ihr Vorschlag?

Raimund Röseler: Die Vorschläge der Kommission gehen durchaus in die richtige Richtung. Allerdings beschränken sie sich gegenwärtig darauf, in einzelnen Bereichen punktuelle Erleichterungen zu schaffen. Um die kleinen Institute wirklich sinnvoll zu entlasten, müsste das Thema Proportionalität aber deutlich breiter aufgestellt werden. Die kleinen und auch die mittelgroßen Institute sehen sich ja durch die immer detaillierter werdenden regulatorischen Anforderungen häufig denselben Aufsichtsanforderungen ausgesetzt wie international agierende Großbanken.

Dass die kleineren Institute das nicht so ohne Weiteres stemmen können, liegt auf der Hand. Deshalb schlagen wir ein Modell vor, das eine Einteilung der Institute in drei Kategorien, zum Beispiel nach dem Grad ihrer Systemrelevanz, vorsieht, die unterschiedlichen regulatorischen Anforderungen unterliegen. Damit ein solches Konzept auf europäischer Ebene Erfolg haben kann, sind wir aber natürlich auf die Unterstützung unserer europäischen Partner angewiesen.

think.bank: Das bestehende regulatorische Rahmenwerk ist schon jetzt sehr komplex und umfangreich. Eine Vereinfachung ist aber auch in den kommenden Jahren nicht zu erwarten – im Gegenteil. Ist dieses Ausmaß an Regulierung noch verhältnismäßig?

Raimund Röseler: Die europäische Bankenlandschaft ist sehr facettenreich. Es gibt keinen einheitlichen europäischen Bankensektor, sondern viele nationale Besonderheiten. Da ist es natürlich eine Herausforderung, ein Regelwerk zu entwickeln, auf dessen Basis alle Institute in allen Mitgliedstaaten in gleicher Weise beaufsichtigt werden könnten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies jedenfalls nicht dadurch geschafft werden kann, dass man auf alle möglichen Institute die gleichen Regeln anwendet. Dafür sind die Institute einfach zu unterschiedlich.

Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass die Regelungen zu kleinteilig werden, wenn man versucht, alle nationalen Besonderheiten zu berücksichtigen. Das würde dann zu einer unnötigen Aufblähung des Rahmenwerks führen. Gerade deshalb ist es besonders wichtig, ein tragfähiges Konzept für die proportionale Abstufung regulatorischer Anforderungen zu haben. Ein solches Proportionalitätsmodell würde es den nationalen Aufsehern erlauben, Besonderheiten ihrer Institute zu berücksichtigen, ohne dass dafür gleich ganze Bände neuer Normen geschrieben werden müssten.

think.bank: Gleichzeitig treiben Sie mit den Bankaufsichtlichen Anforderungen an die IT (BAIT) ein neues regulatorisches Instrument voran. Ist das nicht ein Widerspruch?

Raimund Röseler: Mit den BAIT werden seitens der Aufsicht keine neuen oder zusätzlichen Anforderungen an die Kreditwirtschaft gestellt. Sie interpretieren anknüpfend an die MaRisk die gesetzlichen Anforderungen an die ordnungsgemäße Geschäftsorganisation. Unter der Prämisse, dass die Digitalisierung im Bankensektor künftig noch viel stärker als heute über den Erfolg von Geschäftsmodellen entscheidet, sieht es die Aufsicht als wichtige Aufgabe an, der Kreditwirtschaft transparent ihre Anforderungen mitzuteilen, zum Beispiel an die IT-Governance, die Informationssicherheit und den Betrieb der IT-Infrastruktur. Die BAIT wurden deshalb im Fachgremium IT gemeinsam von Vertretern der Aufsicht, der Verbände der Kreditwirtschaft und der Institute entwickelt.

think.bank: Man hört immer wieder, die Zahl der Fusionen wachse auch, weil vor allem die kleineren Genossenschaftsbanken unter dem regulatorischen Druck litten. Besteht hier die Gefahr, dass das Modell Hausbank ausgehöhlt wird?

Raimund Röseler: Die Aussage, dass vor allem die Regulierung die Existenz kleinerer Genossenschaftsbanken gefährdet und deshalb Fusionen erzwingt, halte ich für überzogen und nicht haltbar. Nicht zu verkennen ist allerdings, dass die Regulierung mit Aufwänden und Kosten für die Institute verbunden ist. Das größere Problem für die meisten Institute liegt aber auf der Ertragsseite. Vor allem im aktuellen Niedrigzinsumfeld sind wichtige traditionelle Ertragsquellen weggebrochen. Neue Wettbewerber, ein sich änderndes Kundenverhalten und die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung werden den Druck sicher weiter verschärfen.

Dennoch halte ich das Hausbankprinzip für überlebensfähig. Die langfristige Zusammenarbeit einer Bank mit ihren Kunden kann schließlich Nutzen für beide Seiten stiften. Eine gewisse räumliche Nähe ist ein Faktor, der bei traditionellen Hausbankbeziehungen eine Rolle spielt. Die Änderungen im Kundenverhalten machen diese aber sicher weniger wichtig. Und schließlich haben auch fusionierte Genossenschaftsbanken immer noch eine gute räumliche Präsenz.

think.bank: Filialen müssen schließen, und Kredite sind immer schwieriger bekommen. Treibt das den Verbrauchern nicht Alternativangebote wie Crowdsourcing-Plattformen und Fintechs in die Hände? Steht die Bafin hier in einem Interessenkonflikt? Einerseits betrachten Sie sich als Verbraucherschützer, andererseits sind Fintechs und Co. aus Verbraucherschutzsicht oft auch problematisch …

Raimund Röseler: Das Aufsichtshandeln der Bafin folgt dem Ziel, für einen stabilen und sicheren Finanzplatz zu sorgen und dabei den Verbraucherschutz zu stärken. Hierbei werden neue und etablierte Finanzmarktteilnehmer technologieneutral und nach dem bewährten Grundsatz „gleiches Geschäft, gleiches Risiko, gleiche Regulierung“ von der Aufsicht behandelt. Die Bafin setzt insofern auch im Zusammenhang mit neuen Technologieanbietern schlicht ihren gesetzlichen Auftrag um.

think.bank: Wie viel Luft bleibt kleineren Banken noch, angesichts der geltenden Regulierungen ihr Geschäftsmodell zu verändern, um neue Erlöspotenziale zu erschließen?

Raimund Röseler: Es verbleibt genug Luft, sich den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und weiter auf dem Markt erfolgreich tätig zu sein, was ja durch die Mehrzahl der Genossenschaftsbanken belegt wird. In meinen Augen ist ein solcher Wandel gerade in der jetzigen Situation sogar erforderlich, denn für die Finanzbranche zeichnen sich durch die Digitalisierung am Horizont Risiken, aber auch zahlreiche Chancen ab. Die Digitalisierung hat weit über Rationalisierungsgewinne hinaus das Potenzial, die gesamte Wertschöpfungskette der Finanzdienstleistung zu revolutionieren. Das kann für den Verbraucher mit Blick auf Wettbewerb und Innovation auch viele Vorteile bringen.