„Banken sollen experimentieren“

Blockchain, künstliche Intelligenz, Robotick und vieles mehr – Deep Tech versammelt unterschiedlichste Technologien unter einem Begriff. Prof. Christian Gärtner erklärt im Interview, wie Banken von Deep Tech profitieren können.

think.bank: Herr Prof. Gärtner, der Begriff Deep Tech ist etwas unscharf und steht für viele verschiedene Themen – vom Internet der Dinge über künstliche Intelligenz (KI) bis hin zu Robotern, Sensoren und 3-D-Druck. Wie definieren Sie den Begriff Deep Tech?

Christian Gärtner: Deep Tech sind Technologien, die hinter offensichtlichen Produkten und Services stehen. Ein Beispiel sind Sensoren in Smartphones oder im Auto, die in Verbindung mit Daten das Navigieren ermöglichen. Meist sehen wir als Endkonsumenten diese Technologien gar nicht. Deep Tech fließt in die Herstellung von sichtbaren Angeboten ein, ist als Technik tief in Produkte integriert. Im Grundsatz handelt es sich um eine Reihe von Hardware- und Software-Technologien, die oft eng miteinander verknüpft sind. Ich denke da an Themen wie Internet der Dinge, Smart Home oder Virtual und Augmented Reality. Deep Tech umfasst aber auch Big Data, KI, Robotik oder 3-D-Druck. Noch hat sich keine klare Definition etabliert.

think.bank: Ist Deep Tech dann nur ein Modewort, oder steht es für einen veränderten Entwicklungsstand bei der digitalen Transformation?

Christian Gärtner: Nein, es ist der Versuch viele unterschiedliche Technologien unter einen Hut zu bringen. Das scheint deshalb sinnvoll, weil diese Technologien mehr und mehr gemeinsam zum Einsatz kommen, um innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die einen Mehrwert für die Kunden bieten und natürlich auch wachsende Umsätze erzielen. Und wenn das geschieht, dann markiert das einen veränderten Entwicklungsstand bei der digitalen Transformation.

think.bank: Wo stehen Ihrer Meinung nach die deutschen Banken beim Thema Deep Tech?

Christian Gärtner: Ich glaube, viele sind noch in Wartestellung, einige aber bereits in der Experimentierphase. Denn noch ist nicht klar, welche Technologien und Lösungen sich wirklich durchsetzen und was wirklich disruptives Potenzial hat. Nehmen wir die Blockchain-Technologie, die in letzter Zeit für den Finanzbereich hoch relevant geworden ist, weil sie nicht nur die sichere Abwicklung von Transaktionen wie Überweisungen verspricht, sondern diese auch noch ohne Mittler und Prüfer wie Banken abwickeln kann. Doch auch die Blockchain hat einige Nachteile wie einen hohen Energieverbrauch, eine eingeschränkte Skalierbarkeit oder offene rechtliche und regulatorische Fragen, insbesondere bei Smart Contracts.

think.bank: Inwieweit setzen Banken bereits auf die Blockchain?

Christian Gärtner: Sehr aufschlussreich ist hier der aktuelle Global Fintech Report von PricewaterhouseCoopers. Demnach experimentieren 20 Prozent der teilnehmenden deutschen Finanzinstitute in ihren Häusern mit der Blockchain-Technologie. 2016 gingen zudem 450 Millionen US-Dollar an Finanz-Start-ups, die mit der Blockchain-Technologie experimentieren. Im Vergleich zum Vorjahr entsprach dies einem Plus von 79 Prozent. In einigen Bereichen wird die Technologie auch schon erfolgreich eingesetzt. So wickelte im Jahr 2016 eine führende europäische Bank den Zahlungsverkehr zweier Klienten grenzüberschreitend über eine Blockchain ab.

think.bank: Wie profitieren Banken von Deep Tech konkret? Schließlich bieten sie ja kein physisches Produkt an, das man in den Händen halten kann.

Christian Gärtner: Es macht ja schon der Begriff „DeepFin“ die Runde, also die Mischung von Deep Tech und Fintech. Am offensichtlichsten ist die Verschmelzung in den Bereichen Biometrik und Identitätsmanagement, zum Beispiel bei der Eröffnung von Bankkonten online, weil man hierfür Sensoren und Bilderkennung über KI-Algorithmen braucht. Auch Robotic Process Automation wird stärker und mit künstlicher Intelligenz hin zu Intelligence Process Automation entwickelt werden.

think.bank: Was verbirgt sich hinter Robotic Process Automation?

Christian Gärtner: Eine Software, die wie ein Mensch unterschiedliche IT-Systeme nutzt. Nehmen wir das Beispiel „Eröffnung eines Bankkontos“: Im Backoffice liest ein Softwareroboter den Antrag aus, ruft die Kundenstammdaten auf und führt dann in den entsprechenden Subsystemen Tätigkeiten wie Kontoeröffnung oder Bestellung der Girocard aus. Dazu müssen „nur“ die vorhandenen Kundendaten ausgelesen und in die richtigen Felder der Masken eingetragen werden. Das geht ausschließlich bei klar definierten Prozessschritten, die regelbasiert ablaufen.

think.bank: Welche weiteren Chancen bietet Deep Tech für das Banking der Zukunft?

Christian Gärtner: Ich gehe davon aus, dass Banken verschiedene Technologien miteinander verknüpfen werden. Das können Blockchain und KI zur Gesichtserkennung und Sprachausgabe sein oder ein sprachbasiertes CRM-System mit KI, wie wir es ja bereits bei Bots im Kundenservice sehen. Künstliche Intelligenz bietet großes Potenzial bei der Entscheidung über Anlagen, da sich große Datenmengen schneller und vor allem genauer auswerten lassen. Der Robo-Advisor kann hier Wettbewerbsvorteile bringen.

 

Zur Person

Christian Gärtner ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Digitale Transformation und Leadership an der Quadriga Hochschule Berlin. Neben der Forschungs- und Lehrtätigkeit ist er seit über 15 Jahren als Organisationsberater bei mittelständischen und großen Firmen sowie Verbänden und Vereinigungen tätig. Schwerpunkte sind die Themen digitale Transformation und Change Management.