"Augen auf"

Claus-Peter Praeg, 44, vom Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO ist Autor der Trendstudie „Bank und Zukunft“.

 

think.bank: Herr Praeg, wie sind die Volksbanken Raiffeisenbanken im Wettbewerb aufgestellt?

Claus-Peter Praeg: Die Genossenschaftsbanken könnten noch besser aufgestellt sein, als sie es im Moment sind. Es klingt hart, aber ich glaube, es herrscht ein Mentalitätsproblem. Die Banken machen sich nicht genug Gedanken darüber, mit welchen Leistungen sie in fünf bis zehn Jahren den Großteil ihres Ertrags erwirtschaften werden. Ich vergleiche das gerne mit Amazon. Hätte die Plattform überlebt, wenn sie immer nur ein Online-Buchhändler geblieben wäre? Sie hat sich weiterentwickelt, neue Geschäftsfelder erschlossen und auch wieder geschlossen. Im Zuge einer solchen Entwicklung bleiben Flops nicht aus. Wichtig ist, aus diesen zu lernen und ständig besser zu werden.  Bei den Banken gilt immer noch das Nullfehlerprinzip für alles, und damit blockieren sie sich in vielen Fällen selbst.

think.bank: Viele Häuser verweisen auf den großen Druck, allein durch die Regulatorik …

Claus-Peter Praeg: Auch andere Branchen müssen mit strengen Auflagen kämpfen. Ein Unternehmen darf sich hinter solchen Ausreden nicht verstecken, es muss sich mit der Zukunft auseinandersetzen. Und das bedeutet: vom Verwalter der Gegenwart zum Gestalter der Zukunft zu werden.

think.bank: Wo sehen Sie die größten Gefahren für das Bankmodell von heute?

Claus-Peter Praeg: Das Geschäftsmodell war und ist immer sehr vielen Herausforderungen ausgesetzt. Die allergrößte Gefahr besteht im Verharren im Hier und Jetzt und im Hoffen auf eine baldige und grundlegende Verbesserung der Marktsituation. Eine weitere bedeutende Entwicklung stellt der demografische Wandel dar, in doppelter Hinsicht. Die Bankkunden werden im Schnitt älter, ebenso wie die Mitarbeiter. Gleichzeitig ändern sich die Rahmenbedingungen mit zunehmender Geschwindigkeit. Jedes Institut muss sich also nach innen wie nach außen fragen: Gehen wir mit der Zeit, oder gehen wir mit der Zeit unter?

think.bank: Konsequenz?

Claus-Peter Praeg: In die Branche muss viel mehr Bewegung kommen. Die Ertragsmöglichkeiten in den klassischen Geschäftsfeldern werden auf absehbare Zeit nicht besser werden. Als Folge sehen wir bereits heute, dass die Zahl der Fusionen steigt. Diese Situation verdeutlicht, dass ein grundlegendes Umdenken stattfinden muss. Alte und gewohnte Denkweisen und Denkschranken müssen überwunden werden. Da nützt es nichts, in Angststarre zu verfallen. Es ist die Frage, wie die Genossenschaftsbanken in Zukunft ihren Kunden begegnen möchten und welche Angebote sie bereitstellen, die eventuell nichts mit den heutigen Produkten und Services zu tun haben. Die innovativen Internetgiganten machen vor, wie es ist, seine Geschäftstätigkeit kontinuierlich in neuen Bereichen weiterzuentwickeln. Und auch über die Fintechs sollten die Banken nicht immer lächeln …

think.bank: Wie meinen Sie das?

Claus-Peter Praeg: Diese jungen Unternehmen haben das Rad im Banking nicht neu erfunden – sie haben es für die Kunden und die Nutzer schöner verpackt. Sie versprechen ihren Kunden Einfachheit und Schnelligkeit. Und sie halten dieses Versprechen.

think.bank: Aber sie haben kein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Claus-Peter Praeg: Das sind Unternehmen und keine Träumer. Jedes Unternehmen muss wachsen, und viele Fintechs stehen an der Schwelle, sich durch Partnerschaften zu digitalen Ökosystemen zusammenzuschließen. Da entstehen Plattformen, die aus vielen kleinen Legosteinchen ein schönes buntes Haus bauen. Mit der Umsetzung der PSD2-Richtlinie im kommenden Jahr wird in diesen Bereich nochmals sehr viel mehr Schwung kommen. Die Frage wird sein, wie die Banken mit diesem zusätzlichen Gegenwind zurechtkommen.

think.bank: Klingt fast, als würden Sie die Genossenschaftsbanken abschreiben …

Claus-Peter Praeg: Nein, gar nicht (winkt ab). Sie sollen nur ihre Augen öffnen und das Riesenpfund erkennen, mit dem sie wuchern können – das Mitgliedermodell. Sie haben Kunden mit eigenen Anteilen. Und die sitzen auch noch alle vor der eigenen Tür. Bessere Voraussetzungen für Ökosysteme gibt es doch praktisch nicht.

think.bank: Wie stellen Sie sich ein solches Volksbank-Ökosystem vor?

Claus-Peter Praeg: Wie ein Kaufhaus mit vielen verschiedenen Abteilungen. Jede Abteilung hilft dem Kunden zu bestimmten Lebensthemen weiter. Geld ist hier nicht das Produkt, das mich ins Kaufhaus lockt, sondern das Mittel, mit dem ich mir meine Wünsche erfülle. Und die Bank ist die Agentur, die diese Services vermittelt.

think.bank: Glauben Sie, dass die Bankkunden das verstehen werden?

Claus-Peter Praeg: Sie werden irgendwann nicht mehr verstehen, warum sie bei ihrer Volksbank oder Raiffeisenbank bleiben sollen, wenn diese nur noch einen winzigen Teil ihrer eigentlichen Probleme oder Anliegen lösen kann. Aber für Einzigartigkeit und einen wahrgenommenen Mehrwert werden sie immer bereit sein zu zahlen. Das ist die wirkliche Nähe zum Kunden, die das Banking von morgen braucht.